Sven Vollbrecht
LULLABY

LULLABY

2023

Rauminstallation, Krankenhausbett, Urinflasche mit Beleuchtung, rotierender Triangelgriff, Spieluhr: Frédéric Chopin – Trauermarsch (Dauerschleife)

190 x 220 x 90 cm

In der Installation Lullaby manifestiert sich eine tiefgreifende Verschränkung der Sujets von Natalität und Finalität innerhalb einer zyklisch konzipierten Gesamtstruktur. Das zentrale Handlungsmoment der Arbeit konstituiert sich durch ein klinisches Krankenlager – ein heterotopischer Raum physischer Transition, welcher die menschliche Existenz in der Polarität zwischen initialer Versorgung und letaler Konsequenz situiert.

Der Betthimmel fungiert innerhalb dieses Gefüges als ambivalentes Signifikat: Er rekurriert gleichermaßen auf die protektive Intimität der Wiege wie auf die klinische Abschirmung des Sterbeprozesses. In dieser materiellen Rahmung artikuliert sich die spannungsreiche Interrelation von privater Geborgenheit und institutionalisierter Prekarität. Durch die bewusste Absenz einer Bettdecke transformiert sich das Objekt zu einer Fläche radikaler Vulnerabilität; die physische Präsenz des Körpers wird hierbei ausschließlich über seine exponierte Abwesenheit und die daraus resultierende Materialität evoziert.

An der Peripherie des Fußendes verdichtet sich die ikonografische Programmatik in der Synthese zweier funktionaler Artefakte: Eine Urinflasche, als Indikator somatischer Hinfälligkeit, wird durch die Applikation eines Saugers zu einem hybriden Objekt rekombiniert. Diese Konjunktion koppelt die frühkindliche Inkorporation von Energie unmittelbar an die terminale Exkretion des gealterten Organismus, ein dialektisches Bildwerk, welches Prozesse der Aneignung und des Entlassens gleichermaßen thematisiert. Das innerhalb des Gefäßes lokalisierte Licht ist hierbei weniger als vitalistische Metapher zu rezipieren, sondern vielmehr als Repräsentation einer zirkulär verlaufenden, entpersonalisierten Lebensenergie, welche sich einer linearen Temporalität entzieht.

Die mechanische Rotation des Haltebügels sowie die akustische Präsenz einer Endlosschleife von Chopins Trauermarsch überführen das Arrangement in einen Status permanenter Iteration. Lullaby entzieht sich konsequent einer narrativen Teleologie und konstituiert stattdessen ein Reflexionsfeld, in dem Abhängigkeit und Fürsorge als transitorische Konstanten des Seins epistemisch greifbar werden.